Die folgende Darstellung soll einen Einblick in das Thema gewähren und kann daher stellenweise unvollständig oder verkürzt wirken. Interessierten sei die Seite der International Association for Cannabinoid Medicines empfohlen.

Der Körper besitzt ein eigenes Endocannabinoidsystem, es gibt also ein biologisch nachweisbares Schlüssel-Schloss-Prinzip. Die anteilsmäßig größten Wirkbestandteile der Cannabisblüten sind zwei Cannabinoide: das bekannte, psychoaktive THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) und das nicht-psychoaktive CBD (Cannabidiol). Auf dem Schwarzmarkt erhält man Cannabis mit hohem THC und verschwindendem CBD-Gehalt, da die meisten Freizeitkonsumenten das High-Gefühl anstreben. Patienten mit Angsterkrankungen zum Beispiel empfinden die anregende THC-Wirkung eher als unangenehm, während CBD (unter anderem) stark angstlösend, körperlich entspannend und schlaffördernd wirkt.

Cannabis könnte als ein hochwirksames, nebenwirkungsarmes Medikament mit einer großen therapeutischen Breite und einem enormen Spektrum an Einsatzbereichen genutzt werden. Im neuropsychiatrischen Fachgebiet interpretiert man den Konsum von Cannabis meist als Begleiterkrankung (sogenannte Komorbidität), das heißt, man geht davon aus, dass neben der Haupterkrankung zusätzlich ein Suchtmittelmissbrauch oder -abhängigkeit besteht. Dies ist meines Erachtens in den allermeisten Fällen nicht die korrekte Sichtweise, sondern ein Versuch des Individuums, sein Leid selbst zu bekämpfen. Die Wahl des Suchtmittels (welches nicht immer eine Substanz sein muss) lässt Rückschlüsse auf die Beschwerden zu.

Ich versuche von meinen Patienten aus deren Kompensationsmechanismen zu lernen. Cannabiskonsum ist ein (oftmals glückender) Versuch der Selbsttherapie.

Das Wissen zu Cannabis als Medizin entstammt in Deutschland aus dessen illegaler Anwendung. Dies trifft in besonderem Maße auf Patienten mit ADHS zu. Der Annahme, diese Patientenklientel sei besonders anfällig für Suchterkrankungen, möchte ich nach meiner Erfahrung widersprechen. Ziel der Nutzung von Drogen ist in den meisten Fällen die erwünschte Symptomkontrolle. Diese Hypothese fand ich in einer retrospektiven Untersuchung von 30 ADHS-Patienten, die zwischen 2012 und 2014 von der Bundesopiumstelle eine Ausnahmegenehmigung zur Selbsttherapie mit Cannabis erhalten haben, bestätigt.

Eine wesentliche Studie zum Thema Cannabis und Jugendschutz wurde in diesem Jahr in dem renommierten Fachmagazin „The Lancet Psychiatry“ publiziert. In den letzten 24 Jahren stieg die Anzahl der jugendlichen Konsumenten in den Bundesstaaten der USA nicht mehr an, in denen der medizinische Einsatz von Cannabis möglich war.

Eine mögliche Schlussfolgerung könnte sein, dass die Wahrnehmung von Cannabis als Medikament bei Jugendlichen die Weiche von „hip“ zu „verordnet“ verstellt. Somit wäre der Konsum diagnostisch verwertbar anstatt instantan kriminalisiert. Ich möchte mich an dieser Stelle von den aktuellen Legalisierungsbestrebungen distanzieren, da hierdurch ein wesentlicher Schritt übersprungen würde und die Chance auf eine fundierte Auseinandersetzung mit dieser vielfältigen Pflanze vertan wäre.